Frailty: es braucht einen zweiten Blick
In der Notaufnahme gelten, wie allgemein bekannt, fünf Triagekodizes: von Rot für „potenziell lebensbedrohlich“ bis Blau für „keine unmittelbare Notwendigkeit für eine Behandlung“. Trotzdem muss bei den niedrig dringlichen Fällen unterschieden werden: Nicht alle Patientinnen und Patienten sind gleich – man muss genauer hinschauen.
Angenommen, zwei Personen bekommen in der Notaufnahme denselben Triagekodex. Es gilt also für beide dieselbe Dringlichkeit. Während die eine die Wartezeit ohne besondere Risiken übersteht, kann sich der Zustand der anderen rasch verschlechtern, unabhängig davon, warum sie sich in die Notaufnahme begeben hat. Genau hier setzt das Konzept der Frailty (vom engl. „frail“, fragil) an.
Es ist kein Etikett für ältere Menschen und keine Aufforderung, alles schneller zu machen. Es handelt sich vielmehr um ein Sicherheitsinstrument, das die Steuerung der Wartephase und die Übernahme der Versorgung bei besonders vulnerablen Menschen verbessern soll. Frailty beschreibt eine klinische Situation erhöhter Vulnerabilität. Betroffene verfügen über eine reduzierte körperliche und funktionelle Reserve, also über einen kleineren Vorrat an Energie, Autonomie und Anpassungsfähigkeit. Praktisch bedeutet das, dass scheinbar kleine Belastungen wie der Beginn einer Infektion, Dehydratation, Schmerzen, eine Therapieumstellung, die Erschöpfung durch langes Warten in einer vollen oder unbequemen Umgebung oder Desorientierung eine unverhältnismäßig deutliche Verschlechterung auslösen können. Fragilität tritt mit zunehmendem Alter häufiger auf, ist jedoch nicht gleichbedeutend mit dem Lebensalter.
Es gibt sehr alte, robuste Menschen und umgekehrt jüngere fragile Personen, etwa bei Behinderungen, komplexen chronischen Erkrankungen, onkologischen Krankheitsbildern oder kognitiven und motorischen Einschränkungen. Deshalb verfolgt der Südtiroler Sanitätsbetrieb bewusst einen Ansatz, der die Gleichsetzung von fragil und alt überwindet. In der Notaufnahme zählen die realen Bedingungen der Person, nicht das Alter im Ausweis.
Warum ist das gerade in der Notaufnahme relevant? Weil diese ein Setting mit starken Schwankungen ist, mit hohen Fallzahlen, wechselnden Belastungsspitzen und Wartezeiten, die zu bestimmten Zeitpunkten unvermeidbar sind. Das klassische Triage-System ist darauf ausgelegt, Dringlichkeit zu erkennen und akute Notfälle konsequent vorzuziehen. Fragilität adressiert ein anderes Problem. Innerhalb der niedrig dringlichen Kodizes hilft das Erkennen von Vulnerabilität, die Wartephase sicherer zu gestalten, das Risiko stiller Verschlechterungen zu reduzieren und die Qualität der Versorgung zu erhöhen. Kurz gesagt: Es ändert sich nicht, wer bei hoher Dringlichkeit zuerst versorgt wird. Es ändert sich, wie innerhalb der großen Gruppe weniger dringlicher Fälle Aufmerksamkeit und Reihenfolge sinnvoll organisiert werden.
In den Notaufnahmen Bozen und Meran ist bereits ein strukturiertes System zur Erfassung der Fragilität implementiert, das auf dem „Triage Frailty Tool“ (TFT) basiert. Das Prinzip ist einfach: Zuerst erfolgt wie gewohnt die klassische Triage, bei der das akute Problem beurteilt und ein Dringlichkeitskodex vergeben wird. Erst danach und vor allem dort, wo die Information tatsächlich einen Sicherheitsgewinn bringt, wird eine kurze Frailty-Einschätzung ergänzt. Dies betrifft ausschließlich niedrig dringliche Kodizes, insbesondere Grün und Blau, also Situationen, in denen Wartezeiten eher länger sein können und das Verständnis der Vulnerabilität die Sicherheit des weiteren Verlaufs beeinflusst. Bei hoch dringlichen Kodizes ändert sich hingegen nichts. Die Priorität wird weiterhin vollständig durch das akute Risiko bestimmt, und die Übernahme erfolgt rasch oder sofort. Eine zusätzliche Feinabstufung wäre hier nicht sinnvoll.
Beim „Triage Frailty Tool“ handelt es sich im Kern um eine strukturierte Checkliste, die konkrete Aspekte der Vulnerabilität im Alltag erfasst. Aus diesen Informationen ergibt sich ein Index, der die Triage nicht ersetzt, sondern sie um ein Bild der Resilienz der Patientin oder des Patienten ergänzt.
Was ändert sich dadurch? Nicht, dass plötzlich alles schneller gehen muss, sondern dass die Versorgung genauer gesteuert werden kann. Bei gleicher Dringlichkeit kann eine fragile Person innerhalb derselben Kategorie früher priorisiert werden als jemand mit derselben Kodierung, aber geringerer Vulnerabilität. So fallen längere Wartezeiten häufiger auf Menschen mit niedrigem Risiko und niedriger Fragilität, während besonders vulnerable Patientinnen und Patienten in der Wartephase besser geschützt werden.
Ein weiterer Wert des Projekts liegt in der Versorgungskontinuität. Das TFT-Ergebnis kann auch in Übergaben und Schnittstellen nützlich sein, etwa bei Meldungen an territoriale Dienste wie WONE oder COT. Es ermöglicht ein schnelleres Bild der Vulnerabilität und erleichtert die zeitnahe Aktivierung passender Unterstützungsleistungen. Parallel wird geprüft, ob die Erfassung der Fragilität in einzelnen Fällen dabei helfen kann, Patientinnen und Patienten ausgehend von der Notaufnahme besser in das jeweils geeignetere Versorgungssetting zu steuern.
Wo stehen wir derzeit? Das System ist heute in den Notaufnahmen Bozen und Meran operativ. Die Ausweitung auf Brixen und Bruneck ist als nächster Schritt vorgesehen und hängt von den notwendigen ITUpdates ab, damit Dokumentation und Nutzung stabil und integriert abgebildet werden können. Parallel erfolgen Datenerhebung und Analyse, um die Verteilung der Frailty-Scores objektiv zu beschreiben und Prozessindikatoren zu monitoren. Ziel ist es, den Einfluss auf Sicherheit und Wartephasenmanagement messbar zu machen. Wie bei jeder organisatorischen Veränderung gehört dazu auch kontinuierliches Zuhören sowie die Optimierung der Abläufe auf Grundlage des Feedbacks der Mitarbeitenden, damit der Ansatz tatsächlich hilfreich und nachhaltig bleibt.
Zusammengefasst ist Frailty kein Kodex für ältere Menschen und keine Beschleunigungslogik. Es ist eine präzisere und zugleich menschlichere Art, Risiko zu lesen. Neben der akuten Dringlichkeit wird die Vulnerabilität der Person systematisch berücksichtigt. Es handelt sich um einen zweiten Blick, der die Regeln der Triage nicht verändert, jedoch die Sicherheit erhöht und die Versorgung stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen ausrichtet.
Arian Zaboli