"Stressresistent sollte man sein ..."
Sie stehen exemplarisch für eine Berufsgruppe, deren Patientinnen und Patienten normalerweise im Tiefschlaf sind: die OP-Pflegerinnen und -pfleger im Südtiroler Sanitätsbetrieb. Wir wollten wissen, warum man sich für diese Tätigkeit entscheidet – und haben im Krankenhaus Meran ein Team aus „dienstälteren“ Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern getroffen, mit überraschenden Erkenntnissen.
Vize-Koordinator Antonio De Carlo hat aus dem Team von 29 OP-Pflegerinnen und -pflegern Viktoria Paris, Micaela Barbieri, Ivana Tesic, Mara Pilotto und Katia Larcher um sich versammelt, eine Runde in Türkis, die gerne und offen über ihre Arbeit spricht.
Reiflich Erfahrung haben sie alle gesammelt, sind sie doch schon seit 30 Jahren – die Dienstältesten haben noch im ehemaligen „Lorenz Böhler“ gearbeitet – oder zumindest seit über 20 Jahren bei chirurgischen Eingriffen an vorderster Front dabei.
„Früher nannte man uns ‚ferristi‘, weil wir die Instrumente gereicht haben. Heute unterscheiden wir jenen Pfleger, der am Instrumententisch steht und jenen, der für nicht-sterile Handreichungen hergezogen wird. Diese Personen wechseln je nach Einteilung“, erklärt Antonio De Carlo. Was sich jedoch nicht geändert hat, ist die Tatsache, dass ein OP-Pfleger Freude an technischen und handwerklichen Tätigkeiten haben muss:
„Bei uns gibt es Schrauben und Bohrmaschinen, das muss man mögen“, so Viktoria Paris. Und sie fügt hinzu: „Ich liebe das – auch bei mir zuhause!“ Eine gute OP-Pflegerin wisse, was gefragt sei: „Man kennt die Eingriffe, die Situationen, man arbeitet autonom – und reicht dem Operateur oder der Operateurin das Notwendige, bevor er oder sie danach fragt.“ Auch das Erlernen von ständig neuen Techniken sei interessant, gerade in der operativen Chirurgie bleibt die Zeit nie stehen.
Natürlich müsse man für diese Arbeit eine Passion haben, darin sind sich alle einig: „Das entscheidet sich meist nach kurzer Zeit – entweder bist du für die Arbeit im OP gemacht oder eben nicht. Eine OP ist anstrengend, jeden Tag werden allein hier im Krankenhaus Meran rund 40 Eingriffe gemacht, man muss lange stehen, es gibt Bereitschaftsdienste in der Nacht und man muss stressresistent sein, denn eine Situation kann sich extrem schnell verändern“, so Katia Larcher. Dann müsse man diese in den Griff bekommen, so Micaela Barbieri.
Auch der typische Patientenkontakt, den man z.B. auf einer Abteilung hat, der fehlt bis auf wenige Ausnahmen im OP. Es komme zwar vor, dass man mit Patienten, die nur eine Teilanästhesie haben, etwas reden könne und ihnen manchmal die Hand halten müsse, aber normalerweise erinnern sich die Operierten nicht an das OP-Team. Mit einzelnen Ausnahmen – Viktoria Paris erzählt von einer Frau, die ihr später mal einen Kaffee spendiert hat, nachdem sie sie an ihrer Brille wiedererkannt habe: „Sie waren doch bei meiner OP dabei, ich erinnere mich!“
Auch der englische Tourist, der am OP-Tag Geburtstag hatte, wird sich wahrscheinlich noch lange daran erinnern, dass das gesamte OP-Team vor dem Eingriff ein kollektives „Happy birthday“ anstimmte ...
Natürlich gibt es auch Momente, die einen belasten, wenn z.B. wirklich schwere Eingriffe durchgeführt werden. Dabei hilft allen das Reden darüber: „Wir diensterfahrenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter können vielleicht etwas besser mit schwierigen Situationen umgehen, für jüngere Kolleginnen und Kollegen ist es anfangs oft belastend.“ Grundsätzlich versuchen sie alle, nicht mit im OP zu sein, wenn ein naher Angehöriger operiert wird – „dann fragen wir die Kollegin, ob sie dazu bereit wäre, zu tauschen.“
Was gehört zu den schönsten Erlebnissen, die einen nach dem Umziehen und einem fünfminütigen Händewaschen erwarten? Unisono antworten alle: „Kaiserschnitte! Der magische Moment, in dem ein Kind auf die Welt kommt, ist unvergleichlich!“ Und Viktoria Paris ist das Bild eines Neugeborenen, welches sie mit offenen Augen anschaute, immer noch im Gedächtnis: „Ich habe bei mir gedacht – kleines Poppele, was denkst du dir gerade?“
Alle erfahrenen OP-Pflegerinnen und -pfleger brechen eine Lanze für ihre Tätigkeit: „Schade, dass viele im Laufe der Ausbildung es versäumen, im OP zu hospitieren. Wer einmal hineingeschnuppert hat, der ist meist fasziniert von dieser Welt – und wir können diese Arbeit nur empfehlen!“
Sabine Flarer