Odontophobie: die Angst vor dem Zahnarztbesuch

30.03.2026, 09:00

Odontophobie ist weit mehr als nur ein unangenehmes Gefühl vor der Behandlung. Sie betrifft alle Altersgruppen und Bevölkerungsschichten und hat eine Prävalenz von rund 24 % – nur die Angst vor Schlangen, Höhen und körperlichen Verletzungen kommt in Europa noch häufiger vor. Warum ist das so und wie kann den Betroffenen geholfen werden?

Foto: 123rf
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Zahnarztangst hat oft ihre Wurzeln in der Kindheit. Eine große norwegische Studie, an der rund 6.000 Jugendliche teilgenommen haben, zeigte, dass 5,4 Prozent unter ausgeprägter Odontophobie gelitten haben, wobei mehr Mädchen als Buben betroffen waren und über die Hälfte zumindest eine negative Kindheitserfahrung angegeben hat. Je mehr belastende Erlebnisse – wie Mobbing, häusliche Gewalt oder familiäre Probleme – ein Kind durchgemacht hat, desto höher war das Risiko, im Jugendalter eine Zahnarztphobie zu entwickeln.

Der Behandlungsstuhl, die körperliche Nähe des Zahnarztes oder der Zahnärztin und das Öffnen des Mundes können traumatische Erinnerungen aktivieren und starke Ängste auslösen.

Odontophobie geht über das normale Unbehagen hinaus. Häufig besteht schon eine antizipatorische Angst vor der Behandlung, die mit Schlafstörungen, Herzklopfen und Zittern bis hin zu Übelkeit und Erbrechen einhergeht. Zahnärztliche Angst betrifft vor allem Kinder, sie kann als Zustand der Besorgnis verstanden werden, der mit einem Gefühl des Kontrollverlustes verbunden ist.

Eine moderne erfolgreiche Behandlung verfolgt einen empathischen, personalisierten und multidisziplinären Ansatz und nimmt auf die persönliche Geschichte der Patientinnen und Patienten Rücksicht. Psychotherapeutische Methoden wie Autogenes Training, Hypnose, Musiktherapie oder Aromatherapie können helfen. Besonders wirksam ist die kognitive Verhaltenstherapie, die negative Gedankenmuster verändert. Auch das richtige Umfeld und ein entspanntes Ambiente, wie ruhige Musik, angenehme Düfte, kurze Wartezeiten oder beruhigende Lichtstimmung, können viel bewirken. Wenn diese Methoden nicht ausreichen, werden Medikamente zur Sedierung in verschiedenen Stufen – von minimal bis hin zur Vollnarkose – eingesetzt. 

Odontophobie ist für die Betroffenen sehr belastend und kann zu einer schlechteren Mundgesundheit führen. Die Zahnmedizin nimmt sie daher heute sehr ernst. Mit mehr Verständnis für die persönliche Vorgeschichte, psychologischer Expertise, einem beruhigenden Praxisumfeld sowie gezielter medikamentöser Unterstützung kann es gelingen, die Behandlung für Betroffene positiv zu gestalten und eine hochwertige Behandlung für alle sicherzustellen.

Vera Schindler/Christian Greco

"Schmerzen können heute zuverlässig ausgeschaltet werden"

Christian Greco, Primar des Zahnärztlichen Dienstes im Gesundheitsbezirk Bozen (Foto: privat)
Christian Greco, Primar des Zahnärztlichen Dienstes im Gesundheitsbezirk Bozen (Foto: privat)

Christian Greco, Primar der Zahnheilkunde im Gesundheitsbezirk Bozen, über Zahnarztangst und was dagegen hilft.

Was sind aus Ihrer Erfahrung die häufigsten Ursachen für Zahnarztangst?
Zahnarztangst ist sehr weit verbreitet, sie betrifft Kinder ebenso wie Erwachsene. Die häufigsten Ursachen sind die Angst vor Schmerzen und das Unbekannte, wie ungewohnte Geräusche, Gerüche oder Instrumente, die auf viele bedrohlich wirken. Ein weiterer zentraler Faktor ist der Verlust der Kontrolle – im Behandlungsstuhl kann man nicht sehen, was passiert, und das macht vielen Angst.

Hinzu kommen negative Erfahrungen aus der Vergangenheit, vor allem in der Kindheit, sowie die weitverbreitete Angst vor Spritzen. In privaten Praxen spielt zusätzlich manchmal die Sorge vor hohen Kosten eine Rolle, im öffentlichen Gesundheitsdienst hingegen kaum.

Wie häufig werden Sie mit Zahnarztangst konfrontiert und wie gehen Sie damit um?
Täglich. Deshalb folgen wir einem strukturierten, einfühlsamen Vorgehen. Ein wichtiges Instrument ist die sogenannte Iatrosedation, also die Beruhigung durch den Arzt: Durch ruhige Kommunikation, eine entspannte Atmosphäre und ausführliche Erklärung nehmen wir Patienten Ängste und geben ihnen das Gefühl, verstanden zu werden. Dieser Vertrauensaufbau ist oft der erste entscheidende Schritt.

Welche konkreten Strategien oder Techniken setzen Sie ein?
Neben der Beruhigung durch den Arzt arbeiten wir besonders bei Kindern mit der sogenannten „Tell Show Do“-Methode, also wir erklären, zeigen und führen durch. Das schafft Transparenz und Sicherheit. Zusätzlich nutzen wir positive Verstärkung, wir loben bewusst für Mut und Mitarbeit. Wenn trotz aller Maßnahmen die Angst zu groß bleibt, stehen medikamentöse Sedierung oder – in Ausnahmefällen – eine Vollnarkose zur Verfügung.

Wie kann man sich optimal auf den Zahnarztbesuch vorbereiten, um den Stress zu reduzieren?
Eine gute Vorbereitung hilft enorm. Patientinnen und Patienten sollten sich vorab informieren, Fragen offen ansprechen und ihre Ängste klar äußern. Eine vertraute Begleitperson kann zusätzlich beruhigen. Entspannungstechniken wie tiefe Atmung oder kurze Meditation wirken ebenfalls oft erstaunlich gut. Und ganz wichtig: sich bewusst machen, dass moderne lokale Betäubungen heute fast jeden Schmerz zuverlässig ausschalten.