"Ein emotionaler Moment"
Wenn Kinder oder Erwachsene mit schweren kognitiven Beeinträchtigungen sowie mit Schwierigkeiten in Kommunikation, Sprachverstehen und Verhalten ins Krankenhaus müssen, ist das oft problematisch. Das Projekt D.A.M.A. setzt hier an. Pflegekoordinator Daniele Carion vom Krankenhaus Bozen erzählt von seinen Erfahrungen.
D.A.M.A. steht für „Disabled Medical Assistance“, das Konzept wurde im Jahr 2000 im Krankenhaus „San Paolo“ in Mailand entwickelt und wird nach und nach auch im Südtiroler Sanitätsbetrieb umgesetzt. Den Anfang machte dabei das Krankenhaus Bozen, welches bereits 2017 erste Schritte in diese Richtung unternahm.
„Konkret gestartet sind wir dann nach Corona, im Jahr 2023“, erzählt Pflegekoordinator Daniele Carion. Im Laufe der Jahre wurde das Konzept verbessert und ausgebaut, später hat Bozen immer wieder Besuch von den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Bezirken erhalten, die sich zu diesem Projekt weitergebildet haben.
Worum geht es bei D.A.M.A.?
Vereinfacht gesagt, erhält eine besonders fragile Patientenkategorie einen geschützten Zugang zur medizinischen Versorgung. Ziel ist es, medizinische Abläufe so zu gestalten, dass sie für Menschen mit eingeschränkter Anpassungsfähigkeit möglichst stressfrei und sicher sind. Falls möglich, werden die Leistungen gebündelt an einem einzigen Zugangstag durchgeführt. Während des gesamten Aufenthalts wird die Patientin bzw. der Patient von der D.A.M.A.-Bezugskrankenpflege begleitet.
„Wir unterscheiden dabei zwischen erwachsenen und pädiatrischen Patientinnen und Patienten. Bei den erwachsenen Patienten, z.B. bei Menschen mit Autismus- Spektrum-Störungen oder mentalen Beeinträchtigungen, wird – falls diese uns noch nicht bekannt sind – eine erste internistische Visite mit eigens reservierten Slots gemacht. Im Laufe dieser wird entschieden, ob der Patient oder die Patientin in die Kategorie D.A.M.A. hineinfällt, denn natürlich heißt nicht jede Beeinträchtigung, dass man Anrecht auf eine geschützte Behandlung hat“, so Carion. Eines der wichtigsten Kriterien dabei ist, ob die Person kooperativ ist: „Wenn jemand nicht zur Zusammenarbeit bereit ist, sind bereits einfache Dinge wie eine Blutabnahme oder ein EKG eine Katastrophe – ganz zu schweigen von größeren Eingriffen wie z.B. Zahnbehandlungen. Deshalb muss unser Augenmerk immer auf dem Grad der Kooperation liegen.“ Falls notwendig, wird eine vom Anästhesisten verordnete Sedierung angewandt. Für Pflegekoordinator Carion ein nächstes Ziel: „Wenn wir auf den fixen Einsatz eines Anästhesisten zählen können, dann wären auch komplexere Eingriffe und Behandlungen möglich.“
Bei Kindern erfolgt die Einteilung bereits von den zuweisenden Diensten wie z.B. der Kinder- und Jugendpsychiatrie oder der Pädiatrie. Aber egal, ob Erwachsene oder Kinder – wenn einmal feststeht, dass der Patient bzw. die Patientin in die Kategorie der D.A.M.A.-Patienten fällt, sind keine weiteren Untersuchungen nötig, die dies bestätigen.
Die Erfahrungen mit diesem Projekt seien durchwegs positiv, so Carion: „Allein im letzten Jahr haben wir hier in Bozen 156 Personen behandelt, alle waren sehr zufrieden. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein stark übergewichtiger Teenager, der aufgrund seiner schlechten Zähne nicht mehr richtig essen konnte. Er hatte panische Angst vor dem Zahnarzt und wäre niemals im Stande gewesen, einer Zahnbehandlung zuzustimmen. Deshalb wurde ihm im Laufe einer fünfstündigen Operation in Allgemeinanästhesie eine komplette Zahnsanierung in nur einer Sitzung gemacht. Durch die exzellente Teamarbeit hat der Zahntechniker noch während der Operation einen Abdruck angefertigt, er ist in sein Labor zurückgekehrt und hat innerhalb von zwei Stunden eine perfekt angefertigte provisorische Zahnprothese hergestellt. Als der junge Patient aufgewacht ist, hatte er wunderbare Zähne und konnte gleich essen – für ihn selbst und für uns alle ein unfassbar schöner und emotionaler Moment!“
Auch Monika Brunner, die zuständige Koordinatorin im Krankenhaus Brixen, kann nur Gutes über das Projekt sagen: „Wir hatten z.B. ein Kind mit einer Störung des Autismus-Spektrums, das nicht in geschlossenen Räumen sein wollte – wir haben daraufhin die Anästhesievisite kurzerhand in den Garten des Krankenhauses verlegt. Auch haben wir schon mal eine zahnärztliche Visite auf der Besucherbank gemacht oder beim Bäcker kurzerhand ein Vinschgerle besorgt, um einen aufgeregten Patienten zu beruhigen. Besonders dankbar bin ich über die gute Zusammenarbeit mit den anderen Diensten, ich treffe mit meinem Anliegen wirklich überall auf offene Ohren.“
Auch in den Bezirken Meran und Bruneck wird das Projekt angeboten, dort sind die Pflegekoordinatorinnen Anna Maria Haller und Barbara Steinmair die Bezugskrankenpflegerinnen für D.A.M.A.
Sabine Flarer

